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Die Entstehung des DVM und seine Geschichte

Manfred Wilhelm

Die Feier des 60. Jahrestages der Neugründung des DVM gibt Gelegenheit und Anlass zur Rückbesinnung auf die Umstände, Ursachen und Bedingungen für die ursprüngliche Gründung des DVM vor nunmehr 118 Jahren.

Bekanntlich fand im 19. Jahrhundert, insbesondere in der 2. Hälfte eine revolutionäre Entwicklung statt. Überall auf der Welt, zumindest was wir heute die westliche Welt nennen, wurden neue Werkstoffe, Produkte und Herstellungsverfahren entwickelt. Ganze Industrien schossen aus dem Boden.

Mit dieser „Entwicklung der Technik hat sich das Bedürfnis herausgestellt und gesteigert, die Eigenschaften der technischen Bau- und Verbrauchsmaterialien – es seien nur genannt: Eisen, Stahl und andere Metalle, Bausteine, Zement, Leder, Papier, Schmier- und Anstreichmaterialien u.a.m. - nicht nur auf dem Wege der Erfahrung kennen zu lernen, sondern auch durch planvoll angelegte und mit wissenschaftlicher Genauigkeit durchgeführte Versuche zu ergründen und – wenn möglich – auf Naturgesetze zurückzuführen“ (1). Das war eine umfassende und anspruchsvolle Aufgabenstellung und eine sehr schön formulierte Zielsetzung, vor der man damals stand.

Dieses Bedürfnis hatte man natürlich schon lange vor der Gründung des DVM erkannt. Es gab ja bereits zahlreiche Untersuchungslabors und Versuchs- und Prüfungsanstalten, sowohl an den technischen Hochschulen als auch zumindest bei den größeren Industriefirmen und Werken. Das wiederum rief die Notwendigkeit hervor, „die Versuchsverfahren und -anordnungen, sowie die Behandlung der erzielten Ergebnisse auf eine einheitliche Grundlage zu stellen; denn nur unter dieser Voraussetzung wurde es statthaft, die Ergebnisse zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten von verschiedenen Leuten ausgeführter Versuche miteinander zu vergleichen und Schlüsse aus den Vergleichen zu ziehen“ (1).Das hört sich aus heutiger Sicht selbstverständlich, fast trivial an. Aber die Einsicht in die Notwendigkeit musste erst reifen. So hatte der Baudirektor Carl von Bach, der Gründer der MPA in Stuttgart, schon 1881 auf der Hauptversammlung des VDI die Vereinheitlichung der Prüfverfahren für Baustoffe der Technik angeregt.

Ein anderer, den diese Notwendigkeit umtrieb, nämlich Johann Bauschinger, Leiter der Versuchsanstalt an der TH München, wandte sich 1884 an die Fachkollegen an den Hochschulen und in den Firmen, um in diesem Sinne eine „Konferenz zur Vereinbarung einheitlicher Untersuchungsmethoden bei der Prüfung von Bau- und Konstruktionsmaterialien auf ihre mechanischen Eigenschaften“ anzuregen. Diese Initiative führte zur ersten von 4 sogenannten Bauschinger-Konferenzen, deren letzte 1893 in Wien stattfand, was dokumentiert, dass sie sehr schnell auch bei den Fachleuten im Ausland Interesse fand, die ja vor der gleichen Herausforderung standen. Die Folge war, dass die nächste Konferenz, die schon nach dem Tod von Bauschinger im Jahr 1895 in Zürich stattfand, 320 Teilnehmer aus vielen Staaten Europas, Russland und den USA zählte. Auf dieser Konferenz wurde die Gründung eines „Internationalen Verbandes für die Materialprüfungen der Technik“ (IVM) beschlossen, dessen erste Versammlung 1897 in Stockholm stattfand. Der IVM hatte nur persönliche und Firmenmitglieder, war also kein Zusammenschluss nationaler Verbände (2).

Vermutlich war diese Vorgehensweise einigen deutschen Mitgliedern nicht schnell oder nicht effizient genug. Jedenfalls schlossen sich die deutschen Fachleute auf Anregung von Carl von Bach, Karl von Leibbrand, einem Straßen- und Wasserbauingenieur aus Stuttgart, der in Württemberg

viele Brücken gebaut hat, und Adolf Martens, dem Leiter der mech.-techn. Versuchsanstalten der TH Charlottenburg, einer der Vorgängerinstitutionen der BAM, zusammen und gründeten den „Deutschen Verband für die Materialprüfungen der Technik“ (DVM) mit der gleichen Zielsetzung wie der Internationale Verband und mit der ausdrücklichen Absicht, mit den eigenen Ergebnissen auch die Arbeit des IVM „zu befruchten und zu fördern“. In der Satzung heißt es dazu: „Der Verband bezweckt die Entwicklung und Vereinbarung einheitlicher Prüfungsverfahren zur Ermittlung der technisch wichtigen Eigenschaften der Baustoffe und anderer Materialien, sowie die Vervollkommnung der hierzu dienenden Einrichtungen im Interesse der deutschen Technik“ (1).

Die Gründungsversammlung des DVM fand am 25. Oktober 1896 in Karlsruhe statt. Immerhin schon 163 Mitglieder hatten ihren Beitritt erklärt und zwar sowohl persönliche als auch Firmenmitglieder. Der Gründungsvorstand setzte sich zusammen aus:

  • Carl v. Bach
  • Adolf Martens
  • August Föppl, Nachfolger von Joh. Bauschinger
  • Ernst Hartig, Prof. für Mech. Technologie an der TH Dresden
  • Theodor Peters, Direktor des VDI und
  • Emil Schrödter, Geschäftsführer des VDEh

Zum Vorsitzenden wurde Adolf Martens und zu seinem Stellvertreter Carl v. Bach gewählt.

Die in der Satzung festgeschriebene Zielsetzung entsprach natürlich den Herausforderungen, die zur Gründung geführt hatten: der Entwicklung einheitlicher Prüfverfahren und der dazu erforderlichen Einrichtungen. Die Verbandsarbeit umfasste die gesamte Palette der Bau- und Konstruktionswerkstoffe, wie schon genannt, und auch die Prüfverfahren waren entsprechend vielfältig, in der Hauptsache: Chemische Prüfverfahren, Festigkeitsprüfverfahren, Korrosions-/Wetterbeständigkeitsfragen und technologische Prüfverfahren Aufgrund der Vielfalt war die Facharbeit vorwiegend in einzelnen Ausschüssen organisiert (2).

Die Arbeitsweise des Verbandes war so, dass von den Mitgliedern Entwürfe für einheitliche Verfahren erarbeitet wurden, die dann auf jährlich stattfindenden Versammlungen beraten, verabschiedet und veröffentlicht wurden. Auch einheitliche Abnahme- und Liefervorschriften wurden dabei diskutiert, an denen insbesondere die Firmenvertreter ein großes Interesse hatten.

Der 1. Weltkrieg bedeutete eine Zäsur: die gesamte Verbandsarbeit kam praktisch zum Erliegen und setzte nur allmählich ab 1920, erst 1924 im vollen Umfang wieder ein. Über den Verband selbst gibt es aus dieser Zeit bis zum Ende des 2. Weltkrieges kaum noch Unterlagen, da das gesamte Archiv des DVM bei den Kämpfen in Berlin 1945 vernichtet wurde. Aus den verschiedenen erhaltenen Mitteilungen und Druckschriften geht jedoch hervor, dass sich der Schwerpunkt der Tätigkeit auf die Normung von Prüfverfahren verlagerte, die in insgesamt 4 Stoffgruppen und in 9 Ausschüssen bearbeitet wurde. Fragen der Abnahme- und Liefervorschriften wurden von einem bereits 1917, also während des Krieges, gegründeten „Normalienausschuß für den deutschen Maschinenbau“, der Vorgängerinstitution des Deutschen Normenausschusses (DNA) und damit des DIN bearbeitet und sind auch dort geblieben. Der Grund war, dass ein Großteil der Industrie auf die Produktion von Rüstungsgütern ausgerichtet war und hier somit ein dringender Bedarf für einheitliche Liefervorschriften bestand.

Eine Vielzahl von Vereinheitlichungen und Normen geht auf die Arbeit dieser Jahre zurück. Als allgemein am bekanntesten und auch symbolisch für den Wert und die Beständigkeit der damaligen Arbeit sei hier die DVM-Kerbschlagbiegeprobe genannt, die auch heute noch ihre Bedeutung in der Qualitätsprüfung hat.

Noch gravierender als durch den 1. Weltkrieg war der Zusammenbruch der Arbeit des DVM durch den 2. Weltkrieg. Im Kreise der Werkstoffprüfer war man sich zwar bald einig, dass zum Wiederaufbau der deutschen Industrie einheitliche Prüfverfahren notwendig seien, und so stand zunächst einmal die Normungsarbeit im Vordergrund. Dabei lehnte man sich jedoch an den DNA an, der bereits 1946 von der Alliierten Kontrollkommission die Erlaubnis zur Wiederaufnahme der deutschen Normungsarbeit erhalten hatte. Auf Betreiben von Erich Siebel, dem damaligen Präsidenten des Staatlichen Materialprüfungsamtes in Berlin, wurde so 1947 der Fachnormenausschuß Materialprüfung (FNM) gegründet, der die Normungsarbeit für Prüfverfahren wieder aufnahm und somit eine traditionelle DVM-Aufgabe weiterführte.

Der DVM schien damit seiner vormaligen Zweckbestimmung entzogen. Bald stellte sich jedoch heraus, dass der FNM nur sehr eingeschränkt in der Lage war, die Weiterentwicklung der Materialprüfung zu fördern. Dazu fehlten ihm die Möglichkeiten, den wissenschaftlichen Gedankenaustausch im Schrifttum oder auf Vortrags- und Diskussionsforen zu organisieren. Auch der Austausch mit ausländischen Organisationen fehlte. So entstand der Wunsch, den DVM, der zwar de facto, aber nie juristisch aufgelöst worden war, wieder zu beleben.

Auf Anregung des FNM, auf Initiative von Erich Siebel und Max Pfender, seinem Nachfolger und langjährigen Präsidenten der BAM, und unter Federführung von Ernst Hermann Schulz, der vor dem Krieg Vorsitzender des Werkstoffausschusses des VDEh und Vorstandsmitglied des DVM gewesen war, wurde daher der Verband mit neuem Aufgabenspektrum 1954 wiederbegründet. Damit sind wir beim Anlass des heutigen Tages.

Die neue Zielsetzung, die im wesentlichen noch heute gilt, lautete kurz zusammengefasst:

  • Förderung der Entwicklung und Verbreitung der Kenntnisse auf dem Gebiet der Materialprüfung
  • Koordination der Arbeiten der verschiedenen technischen Organisationen auf dem Gebiet der Materialprüfung
  • Pflege der Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Gremien

Am 4. Oktober 1956 wurde der Verband in das Vereinsregister Dortmund eingetragen.

Aufgrund der geänderten Zielsetzung hatte sich auch die Arbeitsweise des neu gegründeten Verbandes geändert. Die Normungsarbeit war ausgegliedert. Unter dem Vorsitz von Hans Diergarten, Direktor bei SKF und Vorsitzender von 1959 – 1963, wurden die DVM-Tage als Vortrags- und Diskussionsforum eingeführt, auf denen die neuesten Ergebnisse der Werkstoffprüfung vorgestellt, Probleme bei der Prüfung neuer Werkstoffe und Werkstoffsysteme diskutiert und neue Entwicklungen bei den Prüfverfahren präsentiert wurden.

Dabei wurden gelegentlich Schwerpunkte erkannt, die auf einer so allgemeinen und zunächst nur alle 2 Jahre stattfindenden Veranstaltung nicht ausreichend behandelt werden konnten. So entstanden Arbeitskreise analog zu den früheren Ausschüssen, in denen verschiedene Themen intensiver bearbeitet werden konnten. 1969 wurde unter Frank Kerkhof der Arbeitskreis „Bruchvorgänge“ gegründet, 1970 unter Otto Schaaber der AK „Rastermikroskopie“, 1976 unter Erwin Haibach der AK „Betriebsfestigkeit“, die alle drei zu tragenden Säulen der Tätigkeit des DVM wurden und es bis heute sind.

Neue Werkstoffe, neue Bauteile, neue Verfahren führten im Laufe der Zeit zu neuen Arbeitskreisen, die sich gelegentlich auch wieder auflösten. Der Baustoffbereich jedoch hatte sich seine eigene Verbandsstruktur gegeben. Die DGzfP hatte bereits vor dem Krieg ihre eigene Organisation und obwohl E. Siebel bis 1952 ihr Vorsitzender war, gelang es ihm, wie auch späteren Bemühungen nicht, diese Arbeitsfelder wieder unter einem Dach zusammenzuführen. Und so gibt es heute eine Vielzahl von technisch-wissenschaftlichen Vereinen, bei denen es Überschneidungen und damit auch gelegentlichen Abstimmungsbedarf gibt.

Der DVM hat jedoch seine Nische in den vergangenen Jahrzehnten gefunden, die mit dem Begriff „Strukturintegrität“ sehr gut abgebildet wird und wo das Bauteil und die verschiedenen Einflüsse wie Konstruktion, Werkstoff, Fertigungsverfahren und Beanspruchungsart auf das Bauteilverhalten im Mittelpunkt steht. Entsprechend gaben D. Aurich und C. Razim zu Beginn der 80er Jahre auch dem DVM-Tag ein neues Profil, indem er seither unter dem Leitthema „Bauteil“ steht. Und der neuerdings eingeführte Slogan „Bauteil verstehen“ trifft das Anliegen des DVM in außerordentlich geglückter Weise.

Aurich und Razim waren es auch, die der Arbeit der Geschäftsstelle neues Leben einhauchten. Mit der Verpflichtung von Frau Maslinski zur Geschäftsführerin im Jahre 1982 begann eine Erfolgsgeschichte, die auch ihre Nachfolgerin, Frau Leers, mit ihrer Mannschaft mit bewundernswertem Engagement und Erfolg weiterführt. Und ebenfalls Aurich und Razim waren es, die, nachdem die BAM ihren Namen 1987 um die „Materialforschung“ erweitert hatte, diesen Zusatz 1988 auch für den DVM durchsetzten. Das war nicht unumstritten, hat aber eine gewisse Berechtigung.

Die Erfolgsgeschichte zeigt sich in den Mitgliederzahlen, den Teilnehmerzahlen bei den Veranstaltungen und auch in den finanziellen Bilanzen. Und so ist dem DVM auch weiterhin der Erfolg zu wünschen, der der guten Arbeit der Geschäftsstelle und dem vorbildlichen ehrenamtlichen Engagement vieler Mitglieder zum Wohle der Materialforschung und -prüfung zu danken ist.

Literatur:

  1. Baumaterialienkunde, Heft 9, 1896, S. 122 – 125
  2. N. Ludwig, Materialprüfung 3 (1961), Nr. 2, S.70 - 73