Nachruf Professor Dr.-Ing. Timm Seeger

Nachruf Professor Dr.-Ing. Timm Seeger

Am 22. Januar 2026 verstarb plötzlich und unerwartet Professor Dr.-Ing. Timm Seeger im Alter von 89 Jahren.

Timm Seeger – Träger der Erich-Siebel-Gedenkmünze – wurde am 9. Mai 1936 in Berlin geboren. Die Schulausbildung bis zum Abitur absolvierte er im Ostsektor der Stadt. Um in der Bundesrepublik Deutschland studieren zu dürfen, musste er im Westen ein zweites Mal die Abiturprüfung ablegen. Er entschied sich nach ersten Erfahrungen in der Medizin für ein Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Hochschule Darmstadt (heute Technische Universität Darmstadt). 

 

Direkt im Anschluss daran wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Statik und Stahlbau der TH Darmstadt. Dort hat er grundlagenorientierte experimentelle und theoretische Arbeiten zur Schwingfestigkeit von Konstruktionselementen des Stahlbaus sowie von Schweißverbindungen maßgebend durchgeführt. Dabei ist er zur Überzeugung gelangt, dass für allgemeine Beanspruchungsverläufe letztlich nur auf Basis der lokalen Beanspruchungsgeschichte im relevanten Element eines Bauteils eine Festigkeitsaussage zu gewinnen ist. Im Jahr 1967 stellte er eine Methodik vor, nach der die Anrisslebensdauer nach dem Örtlichen Konzept und die Rissfortschrittslebensdauer mit der Schwingbruchmechanik zu berechnen war. Früh hat er die Bedeutung der Bruchmechanik für die Auslegung von Bauteilen erkannt.

 

Um eine werkstoffmechanisch fundierte Betrachtungsweise in die Anwendung zu bringen, hat er Näherungsverfahren zur Berechnung von Kerbbeanspruchungen bei nichtlinearem Spannungs-Dehnungs-Verhalten des Werkstoffs entwickelt und experimentell überprüft. Die auf bruchmechanischer Basis abgeleitete Formel nach Seeger und Beste wird auf immer mit seinem Namen verbunden sein.

 

Nach Abschluss seiner Dissertation im Jahr 1972 und einer anschließenden Dozententätigkeit im Fach Stahlbau wurde Timm Seeger in Jahr 1976 zum Professor für Werkstoffmechanik und Leiter des gleichnamigen, neu gegründeten Fachgebiets ernannt. In dieser Position hat er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2001viele weitere Arbeiten angeregt und durchgeführt.

 

Die betrachteten Risslängen wurden immer kürzer, die Beanspruchungssituationen immer komplexer bis hin zu nichtproportional mehrachsigen, örtlichen Beanspruchungen. Vereinheitlichung im Konzeptionellen unter Beachtung der Grenzfälle war immer sein Anliegen. Der Übertragbarkeit von am Werkstoff gewonnener Erkenntnis zur Beschreibung des Bauteilverhaltens hat er große Aufmerksamkeit gewidmet. Größen-, Oberflächen- und Randschichteigenschaften wurden auf mechanismenorientierter Basis erfasst.

  

Ein besonderes Anliegen war ihm die Festigkeit von Schweißverbindungen. Seine Ausführungen hierzu sowie zu Betriebsfestigkeitsnachweisen auf der Basis unterschiedlicher Konzepte wurden im Stahlbau-Handbuch niedergelegt. Darüber hinaus hat er die Umsetzung theoretischer Erkenntnisse in tragfähige Konzepte zur praktischen Anwendung in seinen Beiträgen zur Erstellung der ersten Richtlinien des Forschungskuratoriums Maschinenbau eingebracht. Die Methoden, die er aus seinen Forschungsergebnissen entwickelt hat, sind inzwischen zum Stand der Technik geworden – mehr kann ein Ingenieurwissenschaftler kaum erreichen.

 

Professor Seeger hat eine bedeutende wissenschaftliche Bilanz vorgelegt. Die hohe Wertschätzung seiner Kollegen wurde ihm durch die Verleihung der Erich-Siebel-Gedenkmünze durch den Deutschen Verband für Materialforschung und -prüfung (DVM) im Jahr 2001 zum Ausdruck gebracht. In seiner Dankesrede sagte er, dass er den DVM als seine wissenschaftliche Heimat betrachte. Über Jahrzehnte hatte er sich mit Vorträgen und Diskussionsbeiträgen intensiv in den Arbeitskreisen Bruchvorgänge und Betriebsfestigkeit engagiert. Er hat für viele Kollegen und für seine wissenschaftlichen Mitarbeiter als Vorbild gewirkt, vielleicht ein Grund dafür, dass viele seiner Schüler im DVM aktiv waren und sind.

 

Professor Seeger hatte seine Erfolge auch seiner überragenden Fähigkeit zur Motivation seiner Mitarbeiter, einer stets vorgelebten beruflichen Einsatzfreude und einer allseits anerkannten menschlichen und fachlichen Redlichkeit zu verdanken. Er war ein großer Verfechter der Wissenschaftsfreiheit, respektive überhaupt der Freiheit. Diese Freiheit zu nutzen, hat er selbstverständlich von seinen Mitarbeitern erwartet. Die Diskussion über Begrifflichkeiten und Forschungsergebnisse konnten sich ziehen, bis die Sachverhalte geklärt, die Hypothesen überprüft und die Grenzfälle nahtlos eingearbeitet waren. Genauigkeit ging immer vor Schnelligkeit. Eine 98%-ige Lösung war einfach nur falsch.

 

Professor Seeger war ein Menschenfreund, seinen Mitmenschen immer zugetan. Alle, die ihn noch persönlich kennenlernen durften und insbesondere seine Schüler werden ihm ein ehrendes Angedenken bewahren.

 

Michael Vormwald

16.03.2026